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Dirk Nowitzki zu Besuch im YAAM
Foto: YAAM Berlin
Der Himmel
über Berlin
Geschichte des Berliner
Freiplatzbasketballs
Seit fast hundert Jahren wird in Berlin unter freiem Himmel Basketball gespielt – wenn auch zu Beginn unter ganz anderen Voraussetzungen als während des Streetball-Booms der 90er oder in der heutigen Zeit, wo sich 3x3 zur olympischen Sportart entwickelt hat. Ein Rückblick.

Länderspiel DDR – China auf dem Freiplatz im Jahn-Sportpark 1955 Foto: Sportmuseum Berlin I Manfred Malinowski

Shirt Turnier adidas Streetball 1992 Marx-Engels-Platz -
erstes Turnier des Streetball Booms, Foto: Gerald von Foris
Bis in die 1930er Jahre ist Basketball in Deutschland ein weitgehend unbekannter Sport. Als 1935 auf den Rasenplätzen vor dem Berliner Olympiastadion bei einem Lehrgang Körbe geworfen werden, ist dies ebenfalls nur eine Fußnote im Schatten der sich nahenden Propaganda-Spiele der Nationalsozialisten. Für die Olympiapremiere des Basketballs haben die Organisatoren ein Jahr später fünf Outdoor-Tennisplätze in der Sportforumstraße vorgesehen, auch wenn der Sport in den USA, dem Mutterland des Basketballs, längst in großen Hallen wie dem Madison Square Garden zelebriert wird. Wenn man Feldhandball oder Fußball draußen spielen könne, sei dies auch für den Basketball kein Problem, heißt es. So wird aus dem ersten olympischen Basketballturnier der Geschichte ein Freiplatzturnier, das unter Starkregen, Schlamm und einem schweren Lederball zu leiden hat. Historisch ist dieser Freiplatzbasketball dennoch: Unter den Augen von James Naismith, dem Erfinder des Sports, gewinnen die US-Amerikaner ihre erste olympische Goldmedaille (19:8 im Finale gegen Kanada)
Während des Zweiten Weltkrieges ist an Basketball, drinnen wie draußen, wenig zu denken. Nach Kriegsende sind in Berlin 475 der einst 578 Sporthallen teilweise oder völlig zerstört, 52 werden anderweitig genutzt. Auch 60 Prozent aller Turn- und Sportplätze sind unbrauchbar, Sportvereine von den Alliierten anfänglich verboten. Gerade die US-Amerikaner merken aber schnell, dass sie durch Sport positiven Einfluss gerade auf die Berliner Jugend ausüben können. Mit den German Youth Activities verbreiten sich ab 1946 US-amerikanische Sportarten wie Softball und Basketball – Berliner Mädchen und Jungen spielen sie in Hallen wie im Freien.
Angeleitet durch einen engagierten US-Leutnant gründet Artur „Atti“ Stolz als Vierzehnjähriger im November 1946 mit Gleichgesinnten ein Jugendteam – die Keimzelle der Basketballabteilung der Neuköllner Sportfreunde.

Ademola Okulaja auf seinem Homecourt am Dreilinden-Gymnasium Foto: Manfred Heyn
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NBA TD1 Streetball Challenge 1999 (Goertzallee)
Foto: Manfred Heyn
Selbst als Stolz später zum deutschen Nationalspieler aufsteigt, ist Basketball unter freiem Himmel für ihn keine Seltenheit, wie ein Blick in sein Fotoalbum zeigt. Bei der EM 1957 dribbelt er im Nationalstadion von Sofia. Beim Länderspiel gegen Luxemburg ist ein Marktplatz mitsamt Kirchturm im Hintergrund gut zu erkennen. Aus Mangel an Sporthallen wird in Berlin, wie in anderen Städten, in den Nachkriegsjahren draußen trainiert und gespielt. Ein reiner Hallensport ist Basketball damals nicht.
Selbst sportliche Großereignisse beschränken sich nicht auf die anfangs spärlich vorhandenen Hallen. Im Sommer 1951 ist Ostberlin Gastgeber der III. Weltfestspiele der Jugend. Zahlreiche neue Sportstätten entstehen in der Hauptstadt der zwei Jahre zuvor gegründeten DDR.
wird der neue Berliner Sportpark eingeweiht, heute bekannt als Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark. Neben dem Stadion liegt damals ein Basketball-Freiplatz mit Tribünen, einer der wenigen, die es in Ostberlin zu jener Zeit gibt. Hier trainieren Sportler verschiedener Disziplinen, es finden aber auch Basketball-Turniere wie der „Silberkorb“ oder Spartakiaden statt.
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Die US-Amerikaner versuchen dem Massenereignis in Ostberlin ein eigenes Highlight entgegenzusetzen. Nur wenige Tage nach den Weltfestspielen bauen sie in der Mitte des Berliner Olympiastadions ein Parkett auf und lassen für 75.000 Zuschauer die Harlem Globetrotters sowie Olympiasieger Jesse Owens einfliegen. Wieder findet auf dem Berliner Olympiagelände ein geschichtsträchtiger Basketballmoment unter freiem Himmel statt- von einer eigenen Freiplatzkultur kann aber noch nicht die Rede sein. Diese entwickelt sich erst später, vor allem rund um die US-amerikanischen Wohnsiedlungen und Kasernen.


In der Leichhardtstraße oder der Sundgauer Straße entstehen Basketballplätze, die von amerikanischen Familien genutzt werden, aber auch immer mehr Westberliner Spieler anlocken. Die Mischung aus Barbecues, Hip-Hop-Musik oder den neuesten US-Klamotten aus den amerikanischen PX Stores machen den Freiplatzbasketball zum Lebensgefühl. Auf Westberliner Schulhöfen sind die Einflüsse der Amerikaner ebenfalls sichtbar. Das Dreilinden-Gymnasium (die ersten beiden Körbe hatten GIs nach dem Krieg dort gelassen) entwickelt sich zum Hotspot der Freiplatz-Szene. Unterstützt durch den engagierten Sportlehrer Manfred Heyn schwitzen hier Berliner Basketballgrößen wie Ademola Okulaja und Jörg Lütcke, aber auch amerikanische Soldaten. Ähnlich ist es beim RIAS-Court auf dem Schulhof des Rückert-Gymnasiums, wo der spätere Nationalspieler Drazan Tomic sein Handwerk lernt. Eine Generation Berliner Profispieler wächst auf diesen Courts auf. Freiplatzbasketball ist zwar eine Nische, aber eine angesagte.
Nach dem Fall der Mauer wird aus dem Untergrund- ein Massenphänomen. Plötzlich mischen sich Spieler aus dem Ost- und Westteil der Stadt. Vor allem adidas nutzt die Euphorie, die das „Dream Team“ der Amerikaner bei den Olympischen Spielen 1992 entfacht hat und kreiert den Begriff „Streetball“, der in den folgenden Jahren die Straßen Berlins, Deutschlands und Europas erobert. Am 22. und 23. August 1992 findet das allererste Streetballturnier auf dem Marx-Engels-Platz statt. Am Palast der Republik hängen nun nicht mehr Hammer und Zirkel, sondern ein buntes Streetball-Banner. Gespielt wird 3-gegen-3. Zum ersten Turnier strömen bereits mehr als tausend Spieler. Ein Jahr später auf dem Platz vor dem Olympiastadion sind es fast dreimal so viele. 60 Courts reihen sich dicht an dicht – die Events, die jetzt überall im Lande aus dem Boden sprießen, sind eine Mischung aus Basketball, Graffiti, Rap, BMX und Breakdance. Die NBA, Converse, die Telekom oder Obi springen auf den Zug auf.


Stars wie Dikembe Mutombo oder Detlef Schrempf werden nach Berlin geholt.
Mit dem Streetball-Boom der 90er entstehen Initiativen, die bis heute den Freiplatzbasketball in Berlin maßgeblich prägen: das Streetball-Team Berlin organisiert am 28. April 1993 sein erstes Turnier. Die Gründer installieren neue Körbe, auch im Ostteil der Stadt. Die ersten School-Finals (heute Streetball Challenge) folgen ein Jahr später. Unzählige Mädchen und Jungen erobern in den letzten drei Jahrzehnten die Felder im Horst-Dohm-Eisstadion oder im Jahn-Sportpark – unter ihnen auch der spätere Weltmeister Franz Wagner, der mit seinen Freunden 2012 die School-Finals gewinnt. Bei organisierten Turnieren mischen damals wie heute zahlreiche Mädchen mit. Auch bei geschützten Angeboten, etwa von SpOrt365 im Görlitzer Park, sind sie genauso am Ball. Auf den offenen Freiplätzen der Stadt dominieren aber meist die Jungs.
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In den 90er Jahren prägen zwei weitere Entwicklungen den Berliner Freiplatzbasketball. Die kriegerischen Auseinandersetzungen auf dem Balkan lassen zahlreiche Menschen nach Berlin fliehen, die ihre Basketballkultur mit auf die Courts der Stadt bringen. Gleichzeitig verschwinden mit dem Abzug der Alliierten viele Plätze an den ehemaligen Wohnsiedlungen der Amerikaner.
Das Spielgeschehen verlagert sich mehr und mehr in das Zentrum der mittlerweile vereinten Stadt. In Kreuzberg wird die Gneisenaustraße zum Magneten. Der kleine Court im Monbijoupark ist anders als viele Schulhöfe immer zugänglich. Die Metallringe, der Tartanboden und eine Trennung vom Fußballfeld bieten gute Voraussetzungen. Im Mauerpark mischen sich lokale Basketballer mit Besuchern aus aller Welt, die zwischen Karaoke und Flohmarkt einige Würfe nehmen. Eine eigene Subkultur bildet sich im YAAM, einem kulturellen Ort zwischen Musik, Kunst, Kulinarik und Sport. Im Volkspark Friedrichshain ist auch immer etwas los.
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Obwohl sich die großen Unternehmen nach und nach aus dem Berliner Streetball zurückziehen und neue Märkte erschließen, hat der Boom der 90er rund 300 Basketballfelder im ganzen Stadtgebiet entstehen lassen.


Neue Courts wie 2018 im Jahn-Sportpark kommen hinzu. Innovative Konzepte wie SpOrt365 im Görlitzer Park werden angenommen. Viele Felder liegen aber auch brach, Schulhöfe bleiben verschlossen.
Beschäftigt man sich mit den Biografien Berliner Spitzenspielerinnen und -spieler fällt noch heute auf, dass der Freiplatz ein wichtiger Initiator ihrer Entwicklung war. Fast jeder kann seinen „Home Court“ benennen oder hat auf dem Schulhof die ersten Körbe geworfen – egal ob Elias Rapieque im Monbijoupark, Satou und Nyara Sabally im Kleistpark oder Maodo Lô auf dem Hochmeisterplatz. Moritz Wagner wurde sogar ein riesiges Mural über dem Freiplatz in der Christburger Straße gewidmet.
Der Himmel über Berlin hat mittlerweile fast hundert Jahre Freiplatzbasketball gesehen – von den Anfängen der Olympischen Spiele, über die Einflüsse der Alliierten, bis zum Streetball-Boom der 90er und neuen Konzepten aber auch vielen Leerstellen der Gegenwart. Deutschland kann sich seit 2024 Olympiasieger im 3x3-Basketball nennen, einer modernen, organisierten Version des Streetballs. Ein neues Kapitel der Berliner Freiplatzgeschichte muss noch geschrieben werden.
Text: Conrad Ziesch
Zeitstrahl
Wichtige Daten des Berliner Freiplatzbasketballs
1935
Erste Basketball-Lehrgänge unter freiem Himmel in Vorbereitung auf die Olympischen Spiele
7.-14. Aug 1936
Erstes olympisches Basketballturnier
(unter freiem Himmel)
1946
Start der German Youth Activities – Berliner Jugendliche lernen Basketball kennen
5.-19.8.51
Weltfestspiele der Jugend und Studenten in Ostberlin, Freiplatz in der Cantianstraße entsteht
22.8.1951
Harlem Globetrotters spielen im Berliner Olympiastadion vor 75.000 Zuschauern
1974
Der Sportplatz auf dem Schulhof der Dreilinden-Gymnasiums wird fertiggestellt und entwickelt sich später zu einem der bekanntesten Freiplätze Deutschlands.
1976
In der Gneisenaustraße wird die Reinhardswald-Schule gebaut. Auf dem Schulhof entsteht später ein Basketball-Freiplatz, der in den letzten Jahren zu den wichtigsten der Stadt zählt.
80er
Freiplätze in der Leichhardtstraße und Sundgauer Straße im Umfeld der US-Wohnsiedlungen entwickeln sich zu Hotspots der Berliner Freiplatz-Szene
22.und 23.8.1992
Erstes Streetballturnier vor dem
Palast der Republik
1.4.1993
Start des Berliner
Streetball-Teams
1994
Erste Deutsche Meisterschaft
im Streetball
1994
Nike eröffnet einen Freiplatz auf dem Alexanderplatz aus recycelten Schuhen
18.9.1994
Auf dem Olympischen Platz finden die ersten SFB-School-Finals im Streetball statt. Veranstalter sind der Berliner Basketballverband, die Sportjugend Berlin und die Schulverwaltung sowie der Sender Freies Berlin mit Sponsoren
1996
Berliner Streetball-Nights
werden ins Leben gerufen
1999
Kobe Bryant besucht die
School-Finals
2014
Die Dallas Mavericks mit Dirk Nowitzki weihen den renovierten Freiplatz im Mellowpark ein
2015
Kevin Durant eröffnet den renovierten Freiplatz im Monbijoupark
2018
Einweihung des neuen Freiplatzes im Jahn-Sportpark durch ALBA BERLIN
2022
Start von SpOrt365
im Görlitzer Park
2024
Deutsche Frauen gewinnen die olympische Goldmedaille
im 3x3
